Vom Monopol zum Kartell?

StrommonopolWas bewirkt und wie funktioniert die Liberalisierung eines Marktes? In einem ersten Schritt kommt es durch den Wegfall des Monopols zu einer Zersplitterung und Diversifizierung des Marktes: Viele Unternehmen verschiedener Größe drängen auf das frei gewordene Marktsegment und begeben sich in den Wettbewerb. Der Endkunde merkt diese erste Phase des freien Marktes an zunächst stärkeren Preisunterschieden und schließlich, zumindest etablierten wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zufolge, einem Fallen der (Strom)preise. Mit der Zeit reguliert sich der freie Markt durch den Wettbewerb allerdings selbst, um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen die teureren Anbieter ihre Preise senken oder sie verschwinden von der Bildfläche.

Größere Unternehmen haben einen wirtschaftlichen Vorteil im Konkurrenzkampf: Sie können ihre Dienste weit billiger anbieten als die kleinen, die durch Dumpingpreise schnell in die Insolvenz getrieben werden. In einer zweiten Phase der Marktentwicklung kommt es also wieder zu Zusammenschlüssen bzw. dem Wegbrechen kleinerer Unternehmen, sodass das breite Marktangebot sich wieder auf einige wenige beschränkt, deren Preispolitik sich ähnelt. Die Preise, die der Endverbraucher zahlt, können wieder angehoben werden und zeigen keine großen Unterschiede mehr.

Eine solche Entwicklung war bereits in anderen Sparten beobachtbar, ein Beispiel sind die Entwicklungen, die derzeit im Bereich der Telekommunikation zu beobachten sind, wo sowohl nationale als auch internationale Übernahmen auf der Tagesordnung stehen. Für den Strommarkt skizzieren Experten für die kommenden Jahre ein ähnliches Bild.

Am Beispiel Deutschland kann man diese Dynamiken gut illustrieren, vor allem, weil in Deutschland die Öffnung ganz ohne Übergangsfrist durchgesetzt wurde, was im Regelfall zu einer zumindest kurzfristigen Destabilisierung des Marktes führt. Kurz nach der Öffnung Ende der 1990er kam es zu einem massiven Preiskampf und demgemäß zu großen Schwankungen.

Die Folge waren Rationalisierungen in den Unternehmen und in weiterer Folge eine Konzentration der Märkte. Vor allem größere Unternehmen fusionierten, die kleineren, die dem Konkurrenzdruck nicht gewachsen waren, konnten nur Allianzen eingehen, wenn sie am Markt überleben wollten. Aus den acht großen Verbundunternehmen (nämlich Preussen-Elektra, die Bayernwerke, RWE, VEW, Bewag, HEW, Laubag und VEAG) aus der Zeit vor der Liberalisierung waren durch Zusammenschlüsse bald vier geworden. Diese vier Unternehmen sind E.ON, RWE, ENBW und Vattenfall - aktuell die dominanten Anbieter auf dem deutschen Strommarkt.

Diese Zusammenschlüsse wirkten sich dann wieder aus Sicht der Kunden ungünstig auf die Preisentwicklung aus. Die ganze Entwicklung führt zu einem - verglichen mit den Zielen der Marktöffnung - paradoxen Resultat: Vor der Liberalisierung waren etwa 80 Prozent der Stromproduktion in den Händen der acht Verbundunternehmen, die vier genannten Unternehmen beherrschen den Markt heute zu 90 Prozent. Im selben Maß sind auch die Preise im Vergleich zu der Zeit vor der Marktöffnung angestiegen.

Die Liberalisierung ist also wirtschaftspolitisch ein zweischneidiges Schwert, auch und vor allem gemessen an den mit ihr gemeinhin verbundenen Zielsetzungen. Nicht berücksichtigt sind hier die "Einsparungen" an Arbeitsplätzen, die durch die Fusionierung der acht großen Arbeitgeber in der Elektrizitätsbranche zu nur mehr vier innerhalb weniger Jahre stattgefunden hat. Nicht zuletzt aus diesen Gründen wird die Liberalisierung von vielen Experten sehr kritisch bilanziert.