Kalifornien: Von der Liberalisierung zum Black-Out

Kalifornien StromAm 17. Jänner 2001 erklärte der damalige Gouverneur Gray Davis Kalifornien zum Energienotstandsgebiet. Damit reagierte er auf eine akute Krise am kalifornischen Strommarkt, die mit stundenlangen Stromausfällen im gesamten Bundesstaat verbunden gewesen war und um Haaresbreite zum vollständigen Kollaps der Stromversorgung geführt hätte. Über Wochen saßen Menschen täglich für Stunden im Dunkeln. Erst drei Jahre später, am 13. Dezember 2003, wurde der Notstand formell für beendet erklärt.

Die kalifornische Elektrizitätskrise gilt als Paradebeispiel für die schwerwiegenden Folgen, zu denen eine Liberalisierung des Strommarktes führen kann. Sie wurde durch eine Kombination von Faktoren ausgelöst, unter anderem durch das beachtliche Bevölkerungswachstum im Lauf der 1990er Jahre und durch den stetigen Anstieg des Stromverbrauchs pro Einwohner (etwa durch den verbreiteten Einsatz von Klimaanlagen), Experten sind sich aber einig, dass erst die fünf Jahre zuvor eingeleitete Privatisierung weiter Teile der Stromversorgung zur Krise geführt hat. Mit Marktbedingungen und dem damit verbundenen Preiskampf konfrontiert bauten die privaten Anbieter über die Jahre ein geschätztes Viertel der Stromproduktionskapazitäten ab. Dazu kam, dass die Einführung des Marktprinzips für einige Unternehmen mit einer Kostensteigerung verbunden war, nicht nur wegen der Notwendigkeit, in Marketing zu investieren, sondern auch, weil sie jetzt Strom oder Vorprodukte, die sie davor selbst hergestellt hatten, zu Marktpreisen kaufen mussten. Die staatliche Regulierung des Strompreises erlaubte aber keine entsprechende Anhebung der Verkaufspreise. Dadurch fehlte das Geld für notwendige Investitionen in die Errichtung neuer Anlagen zur Stromproduktion und in die Erhaltung und den Ausbau des Stromnetzes.

Im Endeffekt waren weder Stromproduktion noch Stromnetz im Stande, dem gestiegenen Bedarf gerecht zu werden. Um den völligen Zusammenbruch des Netzes zu verhindern, reagierten die Anbieter mit so genannten rolling blackouts - in jedem Teil des Bundesstaats wurde rotierend der Strom für einige Stunden abgedreht. Allerdings, um ungewünschte Panikhandlungen zu verhindern, ohne Ankündigung. Erst mit der Erklärung des Notstands trat eine Besserung ein - den Unternehmen wurde von staatlicher Seite unter die Arme gegriffen, indem ihnen Strom aus benachbarten Bundesstaaten unter dem Marktwert zur Verfügung gestellt wurde. Die Liberalisierung endete damit in beachtlichen Mehrkosten für den Bundesstaat.

Die Folgen der kalifornischen Energiekrise waren enorm. Zum einen war ein großer volkswirtschaftlicher Schaden entstanden - schließlich ging nicht nur das Licht in Privathaushalten aus, sondern auch die Energieversorgung in Betrieben oder der Strom der Server des High-Tech-Bundesstaates. Dazu kamen beträchtliche Kosten für die öffentliche Hand und ein Imageverlust nicht nur für die involvierten Stromunternehmen, sondern auch für die Politik. Und noch etwas wurde deutlich: Stromversorgung ist ein sensibles Thema, das sehr schnell mit anderen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Verbindung gebracht werden kann. Während der Krise war immer wieder die Formel zu hören: "Kalifornien den Kaliforniern" - die Schuld an der Energiekrise wurde den Migranten gegeben, die in den 1990ern zugezogen waren (und einen beachtlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum in dieser Zeit geleistet hatten).