Ein Blick in die Schweiz

Stromanbieter SchweizDie Schweiz ist insofern ein interessantes Vergleichsbeispiel, als hier Gesetze relativ unabhängig von EU-Richtlinien verabschiedet werden können. Dennoch kann man in der Schweiz eine ähnliche Entwicklung wie in EU-Ländern feststellen - allerdings mit beachtlicher zeitlicher Verzögerung: Erst 2007 wurde im Parlament ein Gesetz zur Strommarktliberalisierung verabschiedet.

Seit Anfang 2009 ist in der Schweiz die Marktöffnung für Großverbraucher in Kraft, und damit gut zehn Jahre nachdem die ersten Schritte der Liberalisierung in Deutschland oder Österreich erfolgt waren. Auch das Tempo des Übergangs zum vollständig liberalisierten Strommarkts ist langsamer als in wirtschaftlich der Schweiz vergleichbaren EU-Ländern, die komplette Marktöffnung (also auch für Privatkunden) soll bis spätestens 2014 umgesetzt sein.

In der Schweiz ist das Top-Thema im Bezug auf Energieversorgung und Liberalisierung des Strommarktes aber eines, das anderswo weniger diskutiert wird, in der Schweiz aber mit der "Stromlücke" zu einem weithin bekannten Schlagwort geworden ist: die Angst um die Versorgungssicherheit. Die Diskussion in der Schweiz wird weniger von der Frage bestimmt, wie teuer Strom ist und wie sich die Marktöffnung auf die Preisentwicklung auswirken könnte, entsprechend dürfte auch das Marktverhalten der Schweizer Stromkunden weniger durch die Suche nach dem günstigsten Angebot geprägt sein. Es ist also weniger die Qual der Wahl, die Privatkunden ohnehin erst ab 2014 haben werden, sondern mehr die Sorge, ob in 10 Jahren überhaupt noch genug Strom für alle verfügbar sein wird, die in der Eidgenossenschaft für Debatten sorgt.

Das Problem der "Stromlücke" wurde auch in Deutschland diskutiert, aber während hier bereits Entwarnung gegeben wurde, ist die Situation in der Schweiz ernster. Klar ist, dass 2020 drei wichtige Produzenten, alle drei Atomkraftwerke, ihre Luken dicht machen müssen. Gleichzeitig verkompliziert die fehlende EU-Mitgliedschaft die Situation, weil bestehende Verträge für Importstrom aus dem Ausland, vor allem aus Frankreich, zur selben Zeit auslaufen werden. Eine Verlängerung ist aufgrund herrschender EU-Regelungen unwahrscheinlich oder zumindest schwierig. In Verbindung mit einem prognostizierten Bevölkerungswachstum und dem stetig zunehmenden Energieverbrauch lassen aktuelle Berechnungen auf eine bevorstehende Stromknappheit schließen.

Auch der Stromhandel, der bei der Schließung einer allfälligen Stromlücke helfen könnte, ist für die Schweiz schwieriger, weil sie nicht Teil des EU-Binnenmarkts für Elektrizität und Gas ist. Während der EU-Binnenhandel in den vergangenen 15 Jahren deutlich gestärkt wurde und höherer Strombedarf in einzelnen Ländern damit leichter abgefangen werden kann, sind für die Schweiz Importbedingungen seit der Durchsetzung der Richtlinie wirtschaftlich uninteressant bzw. als langfristige Lösung unmöglich geworden.

In der Schweiz sucht man die Lösung nun im Bau neuer Kraftwerke. Unklar ist allerdings, ob die Stromkrise als Chance für den Ausbau erneuerbarer Energien genutzt werden soll oder stärker auf eine Kombination aus Kernkraft und Gas-Kombikraftwerke gesetzt werden soll. Eine definitive Antwort auf diese Frage steht noch aus.