Die Stromrebellen von Schönau
Vielleicht
die spektakulärste Ökostrom-Erfolgsgeschichte Deutschlands
hat sich im Lauf der vergangenen zwei Jahrzehnte im malerischen Schönau
im Schwarzwald abgespielt. Als es 1986 zum Reaktorunfall in Tschernobyl
kam, gründete sich eine Bewegung von besorgten Bürgern,
die zunächst noch auf Einsicht und Vernunft bei den Mächtigen
hoffte, in anderen Worten: auf den baldigen Ausstieg aus der Atomkraft.
Als sich das nicht nur als trügerische Hoffnung herausstellte,
sondern der regionale Energieversorger (KWR) auch noch jede Initiative
und Anfrage aus der Bevölkerung von Schönau, die sich gegen
den ihr vorgesetzten Strommix, der unter anderem auch einen Anteil
Atomstrom beinhaltete, auflehnte, abblockte, war der Entschluss gefasst:
Die Schönauer Initiative stellte sich auf die radikalste denkbare
Weise gegen den regionalen Versorger und bewarb sich 1997 unter dem
Namen "Energiewerke Schönau" als alternativer Versorger
um die Stromkonzession des Ortes. Und gegen alle Widerstände
wurde der Plan durchgezogen, was unter anderem verschiedensten Formen
von Unterstützung und Zuwendungen zu verdanken war (z.B. mussten
Millionen an Spenden gesammelt werden, um von der KWR verlangte Zahlungen
zu leisten). So konnte die Kleinstadt im Schwarzwald durch hartnäckige
Proteste - die Initiative ist unter dem Namen "Schönauer
Stromrebellen" in die Geschichte eingegangen - tatsächlich
das lokale Stromnetz übernehmen.
Mit der Öffnung des Strommarktes 1999 taten sich für die
bis dahin nur lokal aktiven Schönauer ganz neue Möglichkeiten
auf: die Expansion des Unternehmens und damit auch die weitere Verbreitung
der Ideen, die hinter EWS stehen. Die Schönauer Elektrizitätswerke
liefern mittlerweile bundesweit grünen Strom und haben in der
Zwischenzeit einen Kundenkreis von über 50.000 Abnehmern. Der
gelieferte Strom stammt vollständig aus umweltverträglichen
Quellen: Wind, Wasser, Sonne und andere erneuerbare Quellen machen
rund 93% des von EWS gelieferten Stroms aus, die restlichen 7% entfallen
auf Kraft-Wärme-Kopplung.
Das Ziel ist geblieben: Strom aus Kernkraftwerken und anderen umweltschädlichen
Produktionsprozessen (vor allem auf Kohle und Öl basierenden)
soll vollständig durch Ökostrom ersetzt werden. Dem betriebswirtschaftlichen
Erfolg, den EWS derzeit aufweisen kann, zum Trotz wird also an umwelt-
und gesellschaftspolitischen Zielen festgehalten, die Tätigkeit
als Unternehmen am freien Markt ist hier eher Mittel zum Zweck. Denn
klar ist, dass eine durchgängige Versorgung mit Ökostrom
weniger durch zentralisierte Riesenkonzerne als durch lokale Betriebe
erfolgen kann. Entsprechend werden die Gewinne, die EWS mit dem Vertrieb
von Strom macht, zu einem Teil in verschiedene Umweltinitiativen investiert.
Das beinhaltet zum Beispiel, dass an Privatpersonen oder kleine Projektgruppen,
die in Photovoltaikanlagen investieren, hohe Preise bezahlt werden,
wenn diese den von ihnen überschüssig erzeugten Strom in
das Netz von EWS einspeisen. Mit dieser Orientierung auf Kooperation
und Unterstützung steht auch das Ziel einer demokratischen Stromerzeugung
zur Debatte, das mit den Interessen von Großkonzernen, die allein
auf Gewinnmaximierung abzielen, wenig verträglich scheint.